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SERIE: AUFGEWACHSEN AUF WANGEROOGE

IMMO RIEHL (GEBOREN 1950)

Als Kinder wurden wir von unseren Eltern nicht bespaßt, sondern durften uns unsere Inselwelt selbst erobern. Als ich 1950 auf die Welt kam, war die Zeit des Wiederaufbaus nach den immensen Kriegsschäden auf Wangerooge schon weitgehend abgeschlossen. Meine Eltern, mein Bruder und ich wohnten in unserem kleinen Häuschen am Dorfplatz. So hatte ich einen großen Spielplatz direkt vor der Haustür.

MOIN NR. 1 · 2022

Zur Schule ging ich gerne. Die Schulzeit bei meinem Lehrer Fritz Maaß und der Lehrerin Oma Degenhard war schön und sorglos. Ich erinnere mich heute noch an eine Skizze über den Kreislauf des Wassers, die Lehrer Maaß an die Tafel zeichnete. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, welche Funktion das Meer für unser Wetter hat.

Es war immer wieder großartig, wenn ich nach Schulschluss mit meinen Freunden Horst Heeren und Dieter Salverius zum Angeln zu den Aalkuhlen in die Osterdünen gehen konnte. Hatten wir etwas gefangen, wurde Holz gesammelt und der Fisch an Ort und Stelle gegrillt und aufgegessen. Technisch aufwändiger waren Stellleinen mit Angelhaken, die wir im Priel für eine Tide aufstellten, und die eine größere Fischausbeute versprachen. Die gefangenen Fische brachten wir rechtzeitig zum Abendessen mit nach Hause.

Als weiteren Spielplatz nutzten wir die gesprengten Bunker in den Dünen. Dort gefundene Munition besaß für uns den großen Reiz des Verbotenen, aus gewonnenen Pulverresten bastelten wir neue, kleine Sprengkörper. Auch das strikt untersagte Erklimmen der Bunkerruinen empfanden wir als großes Abenteuer.

FREIBADWASSER WIE IM PRIEL

Als das Freibad 1956 eröffnet wurde, hatten wir ein neues sommerliches Ziel – auch wenn das Wasser noch nicht beheizt war, kalt und trüb wie im Priel. Der Eintritt betrug zehn Pfennig, die wir aber lieber für Süßigkeiten ausgeben wollten. Einfach übern Zaun zu klettern, wäre sicherlich aufgefallen. So versuchten wir, uns an Oma Peters vorbeizumogeln, die an der Kasse saß. Manchmal hatten wir Glück, aber bisweilen duckten wir uns nicht tief genug am Kassenfenster vorbei und Oma Peters erwischte uns, schimpfte heftig, und dann mussten wir doch bezahlen. Mit neun Jahren machte ich im Freibad bei Schwimmlehrer Adolf Wilhelmi meinen Freischwimmer. So wie er und mein Vater Fritz gab es noch andere Wangerooger Familienväter, die im Sommer von der Gemeinde als Rettungsschwimmer angestellt wurden. Entweder nahmen sie sich dafür ihren Jahresurlaub, oder sie durften wegen des sommerlichen Baustopps sowieso nicht arbeiten. Der zusätzliche Verdienst durch Schwimmunterricht half den Familien auch über die Winterzeit hinweg.

Allerdings habe ich die Sommer nicht nur als eine völlig unbeschwerte Zeit in Erinnerung, denn im Sommer vermietete meine Mutter an Feriengäste. Mein älterer Bruder Roger und ich mussten dann unsere Zimmer räumen und lebten drei Monate zusammen mit unseren Eltern im Wohnzimmer. Auch für die Feriengäste war es längst nicht so komfortabel wie heute, denn es gab damals noch keine Dusche im Haus und jedes Zimmer erhielt täglich einen Krug mit frischem Waschwasser zur Körperhygiene.

Das änderte sich erst 1962 durch umfangreiche Umbauten im und am Haus. Ich erinnere mich noch so genau an das Jahr, weil bei der großen Sturmflut im Februar unser Hühnerstall im Dorfgroden abgesoffen war und die Hühner immer auf der häuslichen Baustelle herumliefen und scharrten.

Im kalten Winter 1965 balancierte Immo auf einer Eisscholle im Freibad. 1968 bestand er die Mittlere Reife und verließ Wangerooge im Alter von erst 17 Jahren. Er begann in Wilhelmshaven eine Lehre beim Wasserschifffahrtamt.

VIELE FREIHEITEN

Meine Kindheit und Jugend auf Wangerooge habe ich in ausgesprochen guter Erinnerung. Wir hatten unglaublich viele Freiheiten, die für uns aufregend, wenn auch aus heutiger Sicht bisweilen nicht ungefährlich waren. Wir wurden von unseren Eltern nicht bespaßt, sondern durften uns unsere Inselwelt selbst peu á peu erobern.

Seit vielen Jahren lebe ich an der Ostsee bei Kiel. Ich komme sehr gerne, allerdings nur noch recht selten auf die Insel. Es ist immer wieder schön, dort frühere Freunde anzutreffen, mit ihnen auf der Zedeliusstraße zu plaudern oder auf der Strandpromenade zu sitzen und aufs Meer zu gucken. Das Meer finde ich immer noch so beeindruckend wie auch als Kind schon. Aber meine neue Heimat habe ich anderswo gefunden.

TEXT: Immo Riehl

FOTOS: PRIVAT

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