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SCHULZEIT-ERINNERUNGEN

MIR FEHLT MEINE INSEL!

1957 entschieden die Eltern von Dieter Börner, ihren Sohn auf die Insel Wangerooge ins Internatsheim Dr. Siemens in der Charlottenstraße 26 zu verfrachten. Zu der Zeit hieß es noch »Internat« und war im Eigentum der Gemeinde Wangerooge.

MOIN NR. 2 · 2021​

Inseldoktor Peter Siemens nahm die obligatorische medizinische Eingangsuntersuchung vor. »Min Jung, mach mal den Mund auf und sag aaahhh«. Nach dem Blick auf die Tonsillen und Umgebung meinte er, an meine Eltern gewandt: »Der Junge wird mal ein tüchtiger Kaufmann«, gab mir ein Sahnebonbon und aus war die medizinische Inspektion.

1965 machte ich Abitur am Insel-Gymnasium und verließ mit der Insel 8 Jahre »Unbeschwertheit«. Das stellt man allerdings erst später fest, welche freien, fröhlichen Jahre wir auf der Insel haben verbringen dürfen.

Zu dieser Zeit war die Gästesaison auf gut drei Monate im Jahr beschränkt. Dann wurde es für viele Monate wieder ganz still auf der Insel. Und mit dieser Stille kamen wir eigentlich gut zurecht. Manchmal aber nicht. Dann bekam man meist Fieber, wurde schlapp und schwächelte so vor sich hin. Keiner konnte genau erklären, warum man es bekam. Das wurde bei den Insulanern die Insel-Krankheit oder der Insel-Koller genannt. Niemand war davon verschont. Und Doc Siemens kam mit seinem Moped zur Visite im Internat vom Dorfplatz angebraust.

»Mein Jung, sag mal aaahhh«. Mit der »in-den- Hals-Guck-Diagnostik« wurden dann die vom Insel-Apotheker eigens komponierten Pillen gegen die Insel-Krankheit verschrieben. Was da in den Pillen war, war das Geheimnis des Apothekers. Nicht das Sahnebonbon, dass es grundsätzlich immer gab vom Doktor.

Den »Insel-Koller« nahmen wir gelegentlich auch, um mal nicht in die Schule gehen zu müssen. Soweit der Insel-Koller, der in »guter« Erinnerung ist.

Seit einem guten Jahr ist unser Leben wegen der Pandemie verändert, eingeschränkt, nicht mehr das, was es über 70 Jahre meines Lebens war: ein freies Leben ohne größere Katastrophen.

Sieht man von der Sturmflut 1962 ab oder der darauffolgenden »Eiszeit« im Winter 1962/63, wo wir wochenlang aus der Luft versorgt werden mussten. Für uns Schüler eher aufregende, spannende Momente im Leben. Und ich empfand das Inselleben nie einengend oder einer »Gefangenen-Insel« gleich. Die »Welt fand am Festland statt«. Bei uns war alles übersichtlich und doch weit bis über den Horizont hinaus. Wir träumten uns mit den Schiffen in weite Welten, sahen die Leuchtfeuer nachts von den Feuerschiffen Elbe 1 und Weser 1, selbst von Helgoland.

Roter Sand funkelte von der Jademündung und natürlich die leuchtenden Signale von unserem Leuchtturm in der Mitte des Dorfes. Ich fühlte mich auf der Insel frei. Und später auch im »richtigen« Leben nie so eingeengt, gehindert, fast »weggesperrt« wie nun seit einem Jahr durch Corona. Obwohl ich in meiner neuen Heimat in Kärnten auf dem Lande relativ unbeschwert leben kann. Trotzdem empfinde ich die Einengung des selbstbestimmten Lebens langsam als nervig und belastend fürs Gemüt.

Jährlich finden auf Wangerooge die Treffen der Ehemaligen Schüler des Insel-Gymnasiums in der Zeit um Pfingsten statt. Letztes Jahr mussten wir stornieren, weil wir noch nicht aus Österreich »raus durften«.

Dieses Jahr mit den Mutationen aus London und Südafrika, dem politischen Hickhack und dem Durcheinander mit den Landesfürsten. Der Impf-Flop von Frau von der Leyen mit ihren hunderttausenden von hochbezahlten Bürokraten-Beamten, da kriegt man dann schon mal die Krise. Die Krise deshalb, weil man nicht zeitnah geimpft wird mit 77 Jahren. Was ein Witz, ein blöder, ärgerlicher und hoffentlich nicht lebensbedrohender, weil die Bürokratie die Bestellungen der Vakzine versaubeutelt hat. Da kriegt man schon mal sowas wie Wut. Oder den »Corona-Koller«, der sich ähnlich äußert wie der einst auf der Insel. Aus einer »Gemütsstörung kommend«. Aber ohne Fieber. Doch »Koller« bleibt »Koller«!

Und kein Doktor Peter Siemens weit und breit, der sagt: »Mein Junge, mach mal den Mund auf und sag aaahhh«. Dann mit dem Spatel die Zunge niederhält, erkennend nickt. Und das Sahnebonbon überreicht. Als Medikament Generalis. Gegen und für alles. Und schon geht es einem besser. Den Insel-Apotheker mit seinen Insel-Koller-Tabletten nicht zu vergessen.

Heute ist alles anders. Wir werden nicht jünger. Und das Treffen ehemaliger Schüler des Gymnasiums ist nun mal in der Pfingstzeit. Da zieht es dann einen auf den »Sandhaufen«. Weil wir uns ja auch nicht vermehren, sondern leider jährlich weniger werden. Kein Doc Siemens weit und breit, statt Sahnebonbon eine Vakzin-Spritze in der Hand. »Mein Junge, mach mal ausnahmsweise nicht den Mund auf, sondern einen Arm frei.« Und rein mit dem Zeug. Alles wird gut.

2021: 111 Jahre Insel-Gymnasium. Vor 56 Jahren Abi gemacht. Verdammt, ich will wieder im Juni auf meine Insel. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht klappt es ja, dass man uns über die Grenze lässt. Und die Hotellerie in Deutschland geöffnet ist. Auch für ­»Österreicher«. 

Gebucht haben wir.

Text: DIETER BÖRNER

FotoS: DIETER BÖRNER

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