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Strandwärterpause

Strandkorb gefällig?

Diesen Weg kennt wohl jede Urlauber-Familie: Nachdem die Unterkunft bezogen ist, begibt man sich, bepackt mit allerlei Strandutensilien, zum Strandwärter auf die Untere Promenade. Der kennt seine Stammgäste auf den ersten Blick: »Schön, dass Sie wieder da sind! Ich zeige Ihnen gleich Ihren Strandkorb«. 

MOIN WINTER SPEZIAL 2020

Während sich tagsüber die Strandwärter des Ost- sowie des Westfeldes gut sichtbar auf der Unteren Promenade oder in ihren Badekarren-Büros aufhalten, haben die Kollegen des Hauptfeldes ihr Kontor in einem Raum »Unter der Uhr«, direkt unterhalb des Café Pudding. Hier herrscht durchgängig Betrieb, ganz besonders heftig ist der Trubel zu Beginn der Ferien von Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen. Für die Hüter der Strandkörbe bedeutet es oftmals eine harte Probe ihrer sprichwörtlichen Gelassenheit, wenn ihnen zwanzig oder dreißig Gäste gegenüber stehen, die alle jetzt und unverzüglich ihren gemieteten Korb haben wollen. Geduld ist gewiss auch auf Gästeseite gefragt, aber irgendwann sind alle zufrieden gestellt und der Urlaub kann beginnen.

STRANDWÄRTER SEIT ÜBER HUNDERT JAHREN

Freundliche Helfer am Wangerooger Strand gibt es schon, seitdem die ersten Sommerfrischler die Insel entdeckt haben. Vor der Erfindung des Strandkorbs waren es bis in die späten 1920er Jahre hinein noch vornehmlich Badekarren, die am Strand für die Feriengäste bereitgestellt wurden. In ihnen konnten sich die Urlauberinnen und Urlauber geschützt vor etwaigen neugierigen ­Blicken umziehen. Die Badekarren wurden von Helfern dann bis ins Wasser gezogen. Über eine Treppe gelangte man zu einem erfrischenden Bad in der Nordsee – unter strikter Einhaltung aller geltenden Schicklichkeits-Gebote. Mit der Lockerung der Sitten in den »Roaring Twenties« tauchten auch die ersten Badezelte und Strandkörbe auf. Die Miete eines Korbes oder Zeltes wurde im Inselprospekt von 1928 mit 5 Mark wöchentlich oder 75 Pfennig pro Tag angegeben. 

Während der Kriegszeit gab es keinen Fremdenverkehr auf Wangerooge. Nur mit besonderen Passierscheinen war die Überfahrt auf die Insel gestattet, die als militärische Festung ausgebaut und im April 1945 schwer zerstört wurde.

1947 begann nach der Befreiung durch die Alliierten rasch der Wiederaufbau Wangerooges. Mit der Rückkehr der ersten Badegäste auf die Insel gab es peu á peu auch wieder Arbeit für die Strandwärter. 

DIE ZEIT DES AUFSCHWUNGS

1956 wurde das Wangerooger Freibad als größtes Bad der Ostfriesischen Inseln eröffnet. Immer mehr Gäste kamen seitdem während der Sommermonate auf die Insel. Das bedeutete eine arbeitsreiche Saison für die Strandwärter, für Otto Kruse und Johnny Claasen, für Heini Janßen und Heinz Stubbmann. Das Rettungsboot, das zur Badezeit immer umgedreht und aufgebockt am Strand parat stand, wurde zu der Zeit noch durch die Strandwärter bemannt, die freilich allesamt Nichtschwimmer waren. Das Boot wurde im Ernstfall auf den Schultern durch die Brandung getragen und dann erst umgedreht. Die Strandwärter stiegen ein und pullten zur vermuteten Unfallstelle, um den Ertrinkenden zu retten. Wenn alles gut ging.

Anders als heutzutage wurden bis weit in die 1980er Jahre hinein die Strandburgen oft von Gast zu Gast weitergegeben. Oder ein neuer Gast bestand darauf, ­seinen Korb »ganz nach vorne, in die erste ­Reihe« oder auch »direkt neben den Korb unserer Freunde« gestellt zu bekommen. Das tägliche Hin und Her der Strandkörbe verursachte natürlich ein unübersichtliches Durcheinander, war andererseits aber auch gut für die Trinkgeldkasse der Männer in den weißen Jacken.

Die schweren Strandkörbe wurden am Burgenstrand noch nicht auf ballonrädrigen Karren transportiert, sondern die Strandwärter trugen die Körbe auf ihrem Rücken durch den tiefen Sand. Durch eine besondere Tragetechnik konnte der Rücken zwar ein wenig entlastet werden, aber Schäden an der Wirbelsäule waren langfristig kaum vermeidbar. Zudem war die Orientierung schwierig, denn der Strandwärter sah lediglich seine Knie und den Quadratmeter Sand um seine strammen Waden herum.

Der Tag der Strandwärter begann früh, lange schon, bevor die ersten Neuankömmlinge nach ihren Körben verlangten. Von der Kurverwaltung erhielten die Männer am Strand täglich ihren »Sucher«, eine Aufstellung von Strandkörben, die für diesen Tag neu vermietet waren. Damit es bei dem zu erwartenden Gästeandrang nicht zu unnötigen Verzögerungen kommt, wurde frühmorgens der aktuelle Standplatz der Körbe gesucht und notiert. »364w N.G.2.r« bedeutete etwa, dass der Strandkorb Nummer 364 (auf weißem Grund) in der zweiten Reihe rechts des Planken-Niedergangs unterhalb des Hotel Gerken stand. 

In seltenen Fällen wurden die Strandwärter auch als Streitschlichter benötigt. Die Empörung »Da sitzt jemand in meinem Strandkorb!« klärte sich meistens schneller als Versehen auf, als dass die Aufregung gerechtfertigt gewesen wäre. Und überhaupt waren und sind die Strandwärter in vielen Dingen Ansprechpartner der Kurgäste. Ob nun jemand ein Pflaster benötigt oder sich ein Kind verlaufen hat, wo denn nun genau Helgoland liegt und was für ein dicker Pott denn da fährt – um eine Antwort sind die Strandwärter selten verlegen.

Selbst im Sommer passierte es immer wieder, dass nach drei Tagen Nordwestwind die Springtide den Burgenstrand gefährdete und ihn unter Wasser zu setzen drohte. Meist begann nachts die hektische Suche nach Mitarbeitern der Kurverwaltung. In der Personalunterkunft wurde unter dem Ruf »Körbe bergen!« heftig an alle Türen geklopft, und auch die einschlägigen Kneipen wurden nach feiernden Strandwärtern und Rettungsschwimmern abgesucht. 

Unter Flutlicht wurden die ersten Burgenreihen evakuiert. Nicht nur die Strandkörbe mussten geborgen werden, auch das unter den Körben befindliche Spielzeug sollte nicht so einfach dem Meer überlassen werden. Warum diese Maßnahmen nicht in größerer Ruhe bereits am Nachmittag begonnen wurden, bleibt wohl ein ewiges Geheimnis der damaligen Strandinspektion.

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Manchmal kamen diese Rettungsversuche aber auch zu spät. Vormittags bot sich dann den Gästen ein Bild des Chaos: Der Strand war übersät mit verstreutem Strandspielzeug. Überall standen bis über die Sitzfläche eingeschwemmte Strandkörbe, die vor der nächsten Flut aus dem verdichteten Sand ausgebuddelt werden mussten. Die Strandwärter nahmen es sportlich und den Gästen wurde ein ordentliches Spektakel ­geboten.

STRANDKORBRENNEN

Als Mitte der 1980er Jahre die ersten Strand­korbrennen auf der Unteren Promenade stattfanden, waren die Strandwärter natürlich auch mittenmang dabei. Ihrer Favoritenrolle konnten sie dabei allerdings in den seltensten Fällen gerecht werden. Aber Spaß hatten sie bei den Wettbewerben – ebenso wie ihre athletischen Konkurrenten und die zahlreichen Zuschauer, die ihre Strandkorb-Gladiatoren lautstark anfeuerten.

Die wohl häufigste privat gestellte Frage an die Strandwärter lautet: »Und was machen Sie so im Winter?« Dass dann die kaputten Muscheln repariert werden, klingt selbst inselunkundigen Gästen wenig glaubwürdig. Aber die beschädigten Strandkörbe müssen tatsächlich im Winter wieder instand gesetzt werden. Das bedeutet jedes Jahr ab Herbst viel Arbeit in der Strandkorbwerkstatt.

Während der Winterstürme wird regelmäßig ein Großteil des Burgenstrandes weggespült – ein Problem für Wangerooge schon seit vielen Jahrzehnten. Für manche der Strandwärter beginnt deshalb ihre Arbeit schon im März mit dem Sandfahren auf den großen Dumpern, dem jährlichen Transport des Sandes vom Ostteil der Insel zum Hauptstrand. Denn spätestens zum Saisonbeginn im Mai will Wangerooge seine Gäste wie in jedem Jahr mit einem großen Strand und feinem, weißen Sand begrüßen. 

KLEINE GESCHICHTE DES STRANDKORBS

Die Geschichte des Strandkorbs beginnt im Jahr 1882 in der Werkstatt des kaiserlichen Hofkorbmachers Wilhelm Bartelmann in Rostock. Er wurde dort von der adeligen Dame Elfriede von Maltzahn aufgesucht. Ihr schweres Rheuma, so erklärte sie, würde ihr die geliebten Aufenthalte am Meeresstrand erschweren. Sie wünschte sich einen Stuhl, der sie vor Wind und Sonne schützten sollte. 1897 bastelte Bartelmanns ehemaliger Geselle Johann Falck weiter an der Technik des Strandkorbs und entwickelte eine abklappbare Rückenlehne. Er gründete auch die erste Strandkorbfabrik und bald wurde die gesamte Ostseeküste mit seiner genialen Erfindung beliefert. 

Bis in die 1920er Jahre war der Aufenthalt am Strand ein Privileg des wohlhabenden Bürgertums. Den Schatten spendenden Korb nutzte man ausschließlich in hochgeknöpfter Kleidung zum Schutz vor Wetter- und insbesondere Sonneneinfluss, das Entkleiden und Sonnenbaden am Strand galt als unschicklich, gebräunte Haut war ein Merkmal der proletarischen Klassen. Nur an ausgewiesenen Stellen, abseits der Sitzlauben, war ein Bad im Meer – getrennt nach Geschlechtern – vorgesehen. Eine Lockerung der Sitten kam erst mit den »Roaring Twenties« auf. Die Gepflogenheiten änderten sich und es wurde in den meist prüden Seebädern endlich erlaubt, sich im Strandkorb zu sonnen und von dort aus ganz einfach zum Baden ins Meer zu gehen.  

Text: Axel Stuppy

Fotos: Privatarchiv Axel Stuppy