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Ebbe & Flut

GÄSTE FRAGEN UND DR. KRUG ANTWORTET

Der ständige Wechsel der Gezeiten ist ein Phänomen, das Besucher der Nordsee und anderer offener Meere immer wieder fasziniert oder auch in Erstaunen versetzt.

MOIN NR. 2 · 2020

Wie kommen diese Erscheinungen zustande? Warum läuft die Flut an einem Ort höher auf als an einem anderen? Warum ändert sich die Gezeitenhöhe sogar am gleichen Ort? Warum kommt die Flut täglich später? Was bedeuten die Ausdrücke Ebbe, Flut, Hochwasser und Niedrigwasser? Was ist der Unterschied zwischen Nipp-, Spring- und Sturmflut? Was ist ein Schwingungsknoten? Was verbirgt sich hinter einem Fremdwort wie Amphidromie? Fragen über Fragen.

Die folgenden Ausführungen wollen in leichtverständlicher Weise die wesentlichen Zusammenhänge aufzeigen und die wichtigsten Begriffe für das Verständnis der Gezeiten erklären.

Die Gezeiten entstehen aus dem Wechselspiel zwischen Anziehungskräften und Fliehkräften, die dadurch entstehen, dass sich Erde und Mond, aber auch Sonne und Erde um einen gemeinsamen Schwerpunkt drehen. Die Umdrehung der Erde um die eigene Achse trägt zur Gezeitenentstehung nichts bei, sie bewirkt lediglich die tägliche Zeitverschiebung von Ebbe und Flut. Die gezeitenwirksamen Beziehungen der Gestirne Sonne, Erde und Mond zueinander zu beschreiben ist sehr langwierig, deshalb sollen sie hier nur kurz angesprochen werden.

Betrachten wir an dieser Stelle zunächst einmal die beiden Himmelskörper Erde und Mond: Erde und Mond drehen sich in 27,3 Tagen, einem sogenannten »siderischen Monat« einmal um einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dieser Schwerpunkt liegt noch innerhalb der Erde etwa in der Mitte zwischen Erdmittelpunkt und Erdoberfläche auf der dem Mond zugewandten Seite der Erde.

Im Erdmittelpunkt heben sich die aus der Drehbewegung des Systems Erde-Mond resultierende Fliehkraft und die Massenanziehungskraft zwischen Erde und Mond gegenseitig auf.

Auf der dem Mond zugewandten Seite der Erde überwiegt die Massenanziehungskraft des Mondes und erzeugt ebenfalls einen Flutberg. Das sind die Hochwasser. Dazwischen wird das Wasser zu den beiden Flutbergen abgezogen und der Wasserstand somit erniedrigt. Das ergibt die Niedrigwasserphasen.

Das System Sonne-Erde wirkt nach dem gleichen Prinzip. Da die Erde gegenüber der Sonne geradezu verschwindend klein ist, liegt der Schwerpunkt dieses Systems noch in der Sonne. Die Anziehungs- und Fliehkräfte aber wirken nach dem gleichen Muster wie zwischen Erde und Mond. Wegen der großen Entfernung Sonne-Erde sind die Auswirkungen auf die Gezeiten allerdings nur knapp halb so groß wie die des Systems Erde-Mond. Fortsetzung folgt.

TEXT: DR. JOACHIM KRUG