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FUNDSACHEN

RÄTSEL UM WEISSE KLUMPEN AM NORDSEE-STRAND

Er fuhr mit großen Schiffen um die Welt und war danach jahrelang als Wangerooger Hafenmeister eine bekannte Persönlichkeit. Hermann Goldschweer hat am Meer vieles erlebt. Und diese gelb-weißen Klumpen, die im Juni 2021 am Strand angeschwemmt wurden, kannte er natürlich auch: »Das gab es schon oft, dass Paraffin von den Schiffen zu uns gelangt ist.«

MOIN NR. 4 · 2021​

Einige der rundlichen Klumpen sind faustgroß und liegen an den Stränden der Insel. Kein Fall für die Kriminalpolizei. Verursacher sind die großen Pötte, die nicht von Wangerooge aus zu sehen sind.

Doch Proben der Stücke wurden von Mitarbeitenden des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz – kurz NLWKN – und der Polizei gesichert. Es war nicht ganz geklärt, woher diese Klumpen eigentlich kommen und woraus sie bestehen. Angestellte des Küstenschutzes sprechen von paraffinähnlichen Stoffen. Auch auf den Nordseeinseln Langeoog, Baltrum und Borkum wurden ebenfalls klumpige Verschmutzungen festgestellt. Die Gemeinden säuberten gemeinsam mit dem NLWKN die betroffenen Strandabschnitte, bei denen es sich überwiegend um Badestrände handelt.  

In der Vergangenheit kam es schon häufiger zu ähnlichen Vorfällen. Der NDR berichtete Ende April über weiße Klumpen, der Deutschlandfunk veröffentlichte schon 2016 einen Bericht über Paraffinklumpen, die vom Sülldorfer Labor des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg untersucht wurden.  

Paraffin ist ein Rohstoff, der nach dem Ablöschen in den Tanks der Tankschiffe hängenbleibt. Lange Zeit war es legal, diese Reste nach dem Reinigen auf offener See zu entsorgen. Laut einer Drucksache des Niedersächsischen Landtags von Mitte Februar, müssten eigentlich die Verursacher für die Reinigungskosten der Strände aufkommen. Da aber meistens unklar ist, wer die Paraffinreste im Meer entsorgt, kam es beispielsweise in Niedersachsen bisher noch zu keinen solchen Zahlungen.  

Aber: Seit einem halben Jahr gibt es strengere Regeln für das Einleiten von Paraffin. So müssen Reedereien die Tanks in den Häfen reinigen und die Reste an Land entsorgen. Ein gänzliches Verbot steht derzeit noch aus.

DAS SAGT DIE POLITIK

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies besucht einige Male im Jahr Wangerooge: »Wie üblich werden jetzt Proben der Anlandungen sehr zügig analysiert, damit wir genau wissen, womit wir es zu tun haben. So etwas darf es nicht geben. Die Verursacher müssen besser ermittelt und entsprechend hart bestraft werden!«

Die Gemeinde Wangerooge hatte den zuständigen Niedersächsischen NLWKN über die Funde informiert. Der hatte daraufhin in seinem Zuständigkeitsbereich auf den Inseln weitere Anlandungen überprüft. Oftmals sind Anlandungen von Paraffin oder ähnlichen Stoffen auf den Inseln und den Festlandsküsten das Ergebnis von Tankwaschungen auf See. »Das ist natürlich absolut inakzeptabel«, so Lies. Seit Jahresbeginn sind aufgrund von MARPOL II-Änderungen Vorwäschen nach Entladungen von bestimmten hochviskosen Stoffen in Häfen grundsätzlich erforderlich. Für einige Stoffe (wie zum Beispiel Fettalkohole, die Ende April an der niedersächsischen Küste angelandet sind, gilt diese Vorwaschregelung allerdings nicht. »Das ist nicht akzeptabel, es führt zu Umweltschäden und schadet dem Tourismus. Wir müssen daher jegliche Form von Tankwaschungen auf See verbieten.«

Vonseiten der Umweltministerien der Küstenländer werden für ein Pilotprojekt aktuell 60.000 Euro eingesetzt, um festzustellen, ob die MARPOL II-Änderung zu sichtbaren Erfolgen führt, das heißt zu geringeren Anlandungen an den Deutschlands Küsten und geringeren schwimmenden Mengen auf See. Das Niedersächsische Umweltministerium hat im April 2021 dafür in Zusammenarbeit mit dem NLWKN die niedersächsischen Küstenlandkreise und -Städte sowie die Nationalparkverwaltung gebeten, an dem Pilotprojekt mitzuwirken.

Text: MANFRED OSENBERG

FotoS: EVELYN GENUIT + MANFRED OSENBERG