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HAARLELUJA

STRÄHNEN LÜGEN NICHT

Der 1. März fiel in diesem Jahr auf einen Montag. Eigentlich ein freier Tag für die Friseurinnen und Friseure. Doch diesmal war alles anders. Nach einem verregneten Samstag und einem letzten, Corona-geschlossenen Sonntag begann an einem Montag das neue Gefühl. Haarleluja. Auch auf Wangerooge gingen nicht nur bei Post die Locken ab.

MOIN NR. 2 · 2021​

Für die einen war es das Licht am Ende des Tunnels. Für die anderen die längste Krise der Welt. Haarleluja. Endlich regiert wieder die Schere. Locken ab an den ersten Tagen nach dem Lockdown. Wangerooges Friseurmeisterinnen Carola Flämig und Christine Witzigmann sind froh darüber, wieder ihre Salons öffnen zu können, seit 1. März 2021.

Sie sind glücklich darüber, ein Stückweit Normalität zurückgewonnen zu haben. Von ihren Kundinnen und Kunden bleiben derzeit rund doppelt so viele Haare im Salon wie vor Beginn der Pandemie. Strähnen lügen nicht. Von Männern mit der Frisur »Wildes Kurdistan« wurde den Friseurinnen selten so viel Wertschätzung entgegengebracht. Dabei ging es nicht nur um die Frisur. Das Zwischenmenschliche spielt auch eine sehr große Rolle. »Das möchte ich auch in Zukunft nicht missen«, sagt Carola Flämig, die nach 36 Jahren ihren Salon – wie die MOIN berichtete – ab 1. April 2021 an die Westfälin Martina Asbeck abgeben wird, die vor 50 Jahren in Halver geboren wurde und 2006 ihre Meisterprüfung abgelegt hat. Sie freut sich auf ihren neuen Salon auf Wangerooge und darauf, dass Frau Flämig als Angestellte weiterhin die Schere zur Hand nehmen wird.

Das Friseurhandwerk auf Wangerooge – eine unendliche Geschichte. Vor mehr als 100 Jahren war es Friseur Hwalitzky, der damals mit »Amerikanischer Kopfwäsche« und einem Foto mit Familie und Angestellten für seinen großen Salon warb. Sein Enkel Zientarsky lebt auch heute noch auf Wangerooge, fährt Sand und ist Stammgast beim Fußball des TuS Wangerooge.

1931 kümmerten sich zehn Angestellte im Frisiersalon von Erich Müller um die Damen und Herren auf der Insel. Im großen Salon in der Peterstraße gab es zudem eine Parfümerie. Auch Friseur Schmiedel war mit seinen drei Mitarbeitern stets darum bemüht, dass die Köpfe der Inselbewohner gepflegt wurden. Das Friseurgeschäft befand sich auf der ZE, wo heute Regina Mair ihren Modeladen hat. Kurt Schmiedel und Salon Ungermann betreuten u.a. Künstler und Moderatoren wie Dieter Thomas Heck auf der Sommer-Bädertour. Meist hatte Horst Klemmer bei der Verpflichtung der Prominenz seine Hände im Spiel.

Karin Albrecht Ende der Achtziger und später auch die Türkin Zübi in der Peterstraße sind weitere Haarkünstlerinnen, die auf Wangerooge für Strähnen und Tränen sorgten. Zübi lebt inzwischen wieder in ihrer bayerischen Heimat und denkt noch gerne an die Inselzeit zurück, als sie den schönsten Frauen Deutschlands die Haare frisierte. So manche Miss Germany hat der sympathischen Türkin (Foto Juli 2013) auf dem Frisierstuhl das Herz ausgeschüttet, bevor sie zum Platz am Meer über den Laufsteg schritt und in der Jury der Miss Wangerooge-Wahlen saß.

Und heute? Keine Miss-Wahl mehr am Meer. Und in den beiden Salons dürfen aufgrund der Corona-Auflagen nur die Hälfte der eigentlichen Anzahl an Kunden bedient werden. Und – der erste Ansturm nach der Wiederöffnung ist vorbei.

Locken. Lockdown. Haarleluja …

Text: MANFRED OSENBERG

FotoS: EVELYN GENUIT + KLAUS SCHULTES + PRIVAT