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DAS SÜSSE LEBEN

Wenn aus dem Nebenraum Gelächter erscholl, Rufe wie »Pudel!«, »Alle Neune!« oder »In die Vollen!«, und es dabei auch noch verdächtig rumpelte, dann war natürlich Kegelzeit in der Kugelbake.

MOIN NR. 1 · 2020

Die Kugelbake war nicht das erste Kegel­lokal auf Wangerooge. Jahre zuvor schon unterhielt Ernst Gerdes im Hotel Nordsee eine Kegelbahn, die er jedoch 1968 aufgeben musste. Da witterte der damalige Bauunternehmer Peo Post seine Chance. Auf dem hinteren Teil des Betriebsgrundstücks von Janßen, Peters und Post in der Siedler­straße sollte mit der Kugelbake eine neue Kneipe mit Kegelbahn entstehen. »Der gesamte Dorfgroden war damals noch nicht bebaut«, erinnert sich Peo an die Planung: »kein einziges Haus stand da. Ich musste bei der Gemeinde vorher erst einmal eine Nutzungsänderung beantragen«.

Der wurde entsprochen und 1971 war Baubeginn. »Ich hatte damals eine Baufirma, und meine Leute haben im Herbst in ein paar Wochen das Gebäude da hingestellt. Am 16. Januar 1972 war Eröffnung.«

Und vom Eröffnungstag an ging es mächtig rund in der neuen Kneipe und der angeschlossenen Kegelbahn. »Von November bis April waren natürlich fast nur Insulaner da. Kegeln, das war der große Renner im Winter. Das muss man sich mal vorstellen, über zwanzig Kegelklubs gab es auf Wangerooge, und alle kegelten sie hier bei mir.«

DER WINTER-POKAL

Einmal im Winter wurde der Kugelbaken-Pokal ausgelobt. Alle Kegelvereine traten dann gegeneinander an. Das war ein Ereignis, bei dem die Stimmung hochschlug – es wurde gekegelt und geschwoft, dass die Fetzen flogen. Im Sommer ging es ruhiger zu auf der Bahn, dann hatten die Insulaner genug zu tun mit der Vermietung ihrer Gästezimmer, und es fehlte ihnen oft an freier Zeit für Geselligkeit. Gewiss, manchmal meldeten sich Gästegruppen zum Kegeln an und auch die Rettungsschwimmer kamen mindestens einmal monatlich.

Die anfängliche Kegelbegeisterung nahm im Laufe der Jahre jedoch immer mehr ab, es fehlte der Nachwuchs. Die jungen Leute wollten irgendwann in keinem Verein mehr sein, der »Lustige Runde«, ­»Pudelkönige« oder »Gut Holz« heißt. Oder bei der Rückkehr zu ihrem Sitzplatz einen Rinderknochen vorzufinden, auf dem stand: Werf ich drei Pudel oder mehr, so gebt mir schnell den Knochen her.

In den 70er und 80er Jahren brummte die Kneipe so richtig. »Manchmal, wenn ich gegen 8 Uhr zum Lokal kam, dann standen da schon zwanzig, manchmal dreißig Leute vor der Tür. Da war die Bude rappeldicke voll. Es waren 70 Plätze im Lokal und zwanzig auf der Kegelbahn. Und fuffzehn an der Theke. Da kam ich ja kaum mal zum …« Gut, diese persönlichen Details wollten wir ja eigentlich gar nicht wissen.

»Im Sommer hatte ich viele Stammgäste. Ich hab’ mich immer gefreut, wenn die Saison wieder los ging«, erinnert sich Peo, »aber auch, wenn sie dann zu Ende war«, fügt er verschmitzt hinzu. Der prominenteste Gast war wohl der damalige niedersächsische Landesvater Gerhard Schröder, fünf Jahre bevor er Bundeskanzler wurde. Und Werner Münch, späterer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt gehörte auch zu den Stammgästen, denen Peo Post reichlich Bier ausschenkte.

Da alle anderen Kneipen ausschließlich Jever im Angebot hatten, wagte Peo einen schier ungeheuerlichen Vorstoß. »Ich war der erste, der auf der Insel Veltins ausgeschenkt hat. Das war damals schon mal’n Donnerschlag. Und als ich dann Haake-Beck aufgenommen habe, da waren viele von den Jever-Trinkern ganz vergrällt. Bolko Schröder, der Direktor der Jever-Brauerei, der war damals so richtig sauer, weil ich die Konkurrenz auf die Insel geholt habe.«

Zu dieser Zeit hätte der Wirt von der Brauerei dreißigtausend Mark auf die Hand erhalten können, wenn er sich für zehn Jahre verpflichtet hätte, nur Jever auszuschenken. »Dann habe ich einfach dreizehn Kegelvereine gefragt, was die trinken wollten. Drei Vereine wollten Haake-Beck und die anderen Jever.«

Aber in der Kugelbake gab es ja fünf, zeitweise sechs verschiedene Biersorten im Angebot. »Nicht zuletzt wegen der Auswahl sind die Leute ja zu mir in den Dorfgroden runtergekommen«, erklärt Peo und zählt auf: »Veltins, Haake-Beck, Kräusen, Diebels Alt und Jever Pils natürlich auch.«

PEOS KARNEVAL

Den Karneval hat Peo Post fast im Alleingang nach Wangerooge geholt. «In manchen Jahren war die Kugelbake die reinste Sambahöhle«, kommt Peo noch heute ins Schwärmen. »Was da abgegangen ist, das glaubt man kaum. Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch … das ging manchmal bis 9 Uhr morgens. Dann war endlich der letzte Gast weg. Echt, von nachmittags um drei bis zum annern Morgen. Dann waren wir dann aber auch ein büschen müde.«

Ein riesiges Fest gab es 1982 zum zehnjährigen Jubiläum – mit Getränkepreisen wie zehn Jahre zuvor. Fast alle Insulaner waren vertreten. »Haase-Matetzki und Hildebrand«, überlegt Peo, »Wilhelmi und Grunemann, Maaß und Gerdes, Bläubaum und Flörcke, Werkmeister und Arnold, Keller und Albrecht, Behrens und Henseleit … Ach, ganz ganz viele – und viele auch, die heute schon gar nicht mehr leben. Wo ist bloß die Zeit geblieben?«

Das Kneipenleben hat sich seit den 1970er Jahren nicht nur auf Wangerooge kolossal verändert. »Wenn Du mir vor 25 Jahren gesagt hättest, dass die Frauen heute am Stehtisch Bier aus der Flasche trinken, da hätt’ ich gesagt, du bist verrückt. Heute ist das Usus, Gläser, die brauchst du doch fast gar nicht mehr. Und was haben früher die Leute für Schnaps gesoffen. Und heute – für 8 Euro einen Caipirinha, Pfirsich dran oder ’ne Banane und so ein Glitzerteil obenauf, das zieht mehr.«

Die Veränderung der abendlichen Gewohnheiten lässt sich sicherlich nicht zuletzt an den vielen Ferienwohnungen festmachen. Als Hotel- oder Pensionsgast musste man zum Essen ausgehen. Heutzutage kochen die Urlauber in ihrem Appartement selbst und gehen nicht mehr jeden Abend in Gaststätten. Und statt Lifestyle-Getränken gab es in den Kneipen Bier und Schluck. Oder mal einen Kullerpfirsich für die Damen. »Wenn Du jetzt im Juni abends um 11 durchs Dorf gehst, dann sitzen noch acht oder neun Leute in den Kneipen. Damals – als Werner Ulrichs noch Dorfsheriff war – der hat die Leute nachts um zwei Uhr als der Kugelbake raus getrieben. Da war die Bude noch bis untern Deckel voll. Jeden Abend.«

NUR VIER KELLNERINNEN

Den abendlichen Ansturm hat Peo immer nur mit einer Bedienung bewältigt, die ganzen Jahre über. »Die Kellnerinnen blieben über lange Zeit bei mir. Ich hab ja nur vier Bedienungen gehabt in 25 Jahren. Acht Jahre war Sabine da, sieben Jahre Christine, Thea Rebstock viele Jahre, Gerlinde war ja auch Ewigkeiten da und ein oder zweimal jemanden für nur eine Saison.«

25 Jahre hat Peo die Kugelbake geführt. »25 Jahre und 74 Tage genau. Als 1986 meine Baufirma pleite ging, musste ich die Kugelbake ja auch abgeben. Aber unter der neuen Eigentümerin habe ich noch bis 1996 weiter gemacht und hinterm Tresen gestanden. Der letzte Gast im Gästebuch war Curt Hanken. Ach, das sind schöne Erinnerungen im Gästebuch. Gut, dass ich das noch habe.«

Nachdem die Kugelbake geschlossen wurde, hat Peos Sohn Jan-Dirk hier neun Jahre lang mit dem Strandläufer ein hervorragendes Restaurant betrieben. Das ehemalige Lokal hat inzwischen Eigentumswohnungen Platz gemacht – ein Trend überall auf der Insel.

Und Peos persönliche Erinnerungen an die Zeit in der Kugelbake? »Das alles gibt es heute ja gar nicht mehr. Auf Wangerooge konzentriert sich alle Gastronomie auf die Strandpromenade und die Zedelius­straße. Alles, was damals nicht zentral lag, wäre ja heute völlig abseits, die Kugelbake, das Leuchtturmeck, die Börse, der Ponyhof oder der Mittelpunkt, das ist ja alles weg. So weit laufen die Leute im Sommer nicht mehr. Wegen Bier? Mit Sicherheit nicht! Die Zeit der reinen Biergastronomie ist restlos vorbei.«

Dann klappt er sein Gästebuch zu, seufzt noch einmal tief und sagt: »Aber schön ist es heute doch auch noch auf Wangerooge.«

Text: Axel Stuppy

Fotos: PRIVAT