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GEBURTSTAGE

FRAU MEIERLING UND DIE HUNDERT

Im kommenden Sommer kommt sie wieder nach Wangerooge. Für mindestens sechs Wochen. Und erneut wird keiner ahnen, dass die liebenswerte Christel Meierling am letzten Novembertag 2019 ihren 100. Geburtstag gefeiert hat.

MOIN NR. 1 · 2020

Vor zehn Jahren, als die MOIN ihre Geschichte veröffentlicht hatte, kam sie noch mit dem eigenen Auto von Wiesbaden nach Harle gefahren. Heute fährt Sohn Peter die Hundertjährige, die mitten in der Gegenwart lebt, sich beneidenswerter körperlicher und geistiger Frische erfreut und diesen Umstand auch darin begründet sieht, dass sie bereits seit 85 Jahren auf Wangerooge Urlaub gemacht hat, sie auf der kleinen Nordseeinsel die salzige Seeluft, den Strand und die Spaziergänge genießt und während der Wochen, die sie im Sommer hier in der »schönsten Wohnung auf W’ooge« (O-Ton Christel Meierling) im »Kaiserhof« an der oberen Kurpromenade wohnt, täglich im Meer schwimmt und auch einmal pro Tag die Insel mit dem Fahrrad umrundet.

AUCH WULF GRATULIERTE

Vom Festland aus geht es meist mit dem Flieger der LFH rüber auf ihre Insel, die sie 1922 im zarten Alter von zweieinhalb Jahren zum ersten Mal besucht hat. 2004 hatte sich LFH-Chef Jan-Lüppen Brunzema etwas Besonderes ausgedacht. »Was stehen da für Männer auf der roten Pappe?« fragte Christel Meierling sich damals, als sie ankam, aber dann feststellte, dass es ich um einen roten Teppich handelt, auf dem die Herren nur deshalb standen, damit der bei stürmischem Wetter nicht wegflog. Es war zum 200-jährigen Jubiläum des Seebades Wangerooge, das mit Christel Meierlings 70. Besuch zusammenfiel, und so war sogar Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulf zusammen mit W’ooges Bürgermeister Holger Kohls unter den Gratulanten.

1922, vier Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges und der Kaiserzeit: Fast 88 Jahre sind seitdem vergangen, an die die gebürtige Wilhelmshavenerin Christel Meierling unzählige Erinnerungen hat. Überwiegend angenehme, lustige, aber auch wehmütige und traurige Jahre, in denen sie viele kennengelernt hat, die längst nicht mehr leben: »Wenn ich über den Friedhof gehe, treffe ich dort mehr bekannte Menschen als unter den lebenden Wangeroogern.«

In den ersten Jahren sah das Strandleben noch völlig anders als heute aus. Die Badekleidung – Anzüge – meist ganz schwarz aus Trikotstoff, der wenn er nass war und auf der Haut klebte, gar nicht mehr so züchtig wirkte. Ansonsten trug man lange Röcke, Rüschenblusen und die Herren Anzüge, denn die »vornehme Blässe« wurde bevorzugt. Und am Abend promenierte man in Blazern, hellen Hosen, während die Damen sich vorzugsweise Hüte in elegante Wollmäntel kleideten und dazu nicht immer sturmfeste Hüte trugen.

Bälle in den Hotels Germania, Kaiserhof und Monopol waren die gesellschaftlichen Ereignisse am Wochenende.

Die ersten Wangerooger Jahre waren für Christel Henning, so hieß sie damals, von herrlichen Kinderfesten im Kurhausgarten bestimmt, doch allmählich wandelte sich das Bild am Strand. Statt vorher – streng von allen Blicken abgeschirmt im Badekarren – zog man sich nun vor den Stehstrandkörben und Badezelten um. Bademäntel wurden mitgebracht, Luftanzüge aus bunter Baumwolle und Badekleidung aus Wolle galten als angemessen.

Die 20er und 30er Jahre vergingen mit jährlichen Besuchen auf Wangerooge, Christel Henning studiert Medizin, der 2. Weltkrieg kam. 6000 alliierte Bomben zerstörten die halbe Insel und töteten 311 Bewohner. 1949 machten Christel Meierling und ihr Mann Herbert erstmals nach dem Krieg wieder ein paar Tage Urlaub im »Luftbahnhof«. 1950 dann der erste Familienurlaub mit dem 1944 geborenen Sohn Peter und Tochter Martina (Jahrgang 1947) beim Signalturmwärter Backhaus. Die gröbsten Schäden sind beseitigt, der Tourismus an der Nordsee und mit ihm die Meierlingsche Wangerooger Familientradition leben wieder auf.

Man verbringt die Tage am Strand, baut Burgen, sammelt Muscheln, fängt Krebse in den Buhnen, und Christel Meierling genießt vor allem zusammen mit ihrem Mann die langen Spaziergänge am Wasser entlang in Richtung Ostspitze. Momente der inneren Einkehr, der stillen Harmonie. Klar, dass 1968 die Silberhochzeit auch auf Wangerooge gefeiert wird, und dass ein Jahr später auch Sohn Peter seine Flitterwochen auf dem beschaulichen Eiland verlebt.

1972 ist die Familien-Idylle vollkommen, denn auch das erste Enkelkind (von inzwischen fünf) ist mit an Bord der Fähre.

1991 ein schwerer Schicksalsschlag für die alte Dame, die seit den 80 Jahren in Wiesbaden wohnt: Ihr Ehemann verstirbt nach langer Krankheit. Ein Verlust, der heute noch schmerzt.

Doch Christel Meierling schaute weiterhin nach vorn, ließ sich nicht unterkriegen und behielt ihren Lebensmut und die bemerkenswerte Energie, die sie weder auf Wangerooge noch sonst irgendwo verließ.

Die 100 meisterte sie mit Bravour, feierte mit vielen Freunden. Und Christel Meierling ließ es sich nicht nehmen, die Geburtstagsrede selbst zu halten …

Text: Friedemann W. Bräuer + MANFRED OSENBERG

Fotos: Privat