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SCHULARBEITEN

BEEINFLUSSEN NATURGEWALTEN WANGEROOGES TOURISMUS?

Inwiefern hat sich die Nordseeinsel Wangerooge in den letzten Jahren aufgrund von Natureinflüssen verändert? Dieser Frage ist Jule Steeger in ihrer Facharbeit auf den Grund gegangen. Dabei lag ihr Fokus besonders auf Sturmfluten und den daraus entstehenden Überschwemmungen. Welche Folgen und Schutzmaßnahmen ergaben sich? Und inwieweit wurde dadurch der Tourismus auf Wangerooge beeinflusst? Auf den folgenden Seiten lesen Sie, zu welchen interessanten Ergebnissen die Enkelin von Helmut Kroll kam, die schon ihr ganzes Leben lang Urlaub auf Wangerooge macht – und bereits einige Sturmfluten miterleben musste.

MOIN NR. 2 · 2021​

LAGE VON WANGEROOGE

Auf der deutschen Nordseeinsel Wangerooge, die übrigens drei Meter über dem Meeresspiegel liegt, leben circa 1.263 Menschen. Wangerooge ist sieben Kilometer vom Festland entfernt. Neben Harlesiel liegt ein weiterer wichtiger Hafen in Wilhelmshafen. Von dort aus ist der In- und Export mit anderen Städten national und international möglich. Wangerooge hat eine Größe von 7,94 Quadratkilometern und ist somit die zweitkleinste Ostfriesische Insel. 

Nördlich der Insel Wangerooge liegt das meistbefahrene Seegebiet »Deutsche Bucht«. Der südliche Teil dieses Seegebiets zählt zu den am stärksten befahrenden Schifffahrtsstraßen der Erde, welche die Schifffahrtsverbindung zwischen Hamburg bzw. der Elbmündung und dem Ärmelkanal herstellt. Die »Deutsche Bucht« ist jedoch auch eines der am stärksten bedrohten Sturmflutgebieten der Welt. Das ist darauf zurückzuführen, dass an dieser Stelle fünf verschiedene Flüsse münden. Bei diesen Flüssen handelt es sich um die Eider, die Elbe, die Weser, die Jade und die Ems.

 

ENTWICKLUNG DER INSEL

Vor etwa 200 Jahren besaß Wangerooge eine recht ovale und füllige Form. Vergleicht man diese mit dem Umriss der Insel heute, fällt direkt auf, dass sich die Größe der Insel circa um die Hälfte verringert hat. Die Form der Insel ähnelt heute der eines Seepferdchens. Das Ostende der Insel ist sehr schmal und wirkt langgezogen. Generell ist die Insel in den vergangenen hundert Jahren wesentlich schmaler geworden. 

Die starke Veränderung der Form und der große Verlust an Fläche ist auch auf Sturmfluten zurückzuführen. Durch die starken Überschwemmungen und die Zerstörung von Teilen der Insel kam es dazu, dass Bereiche der Insel mit der Zeit immer gefährdeter wurden und letztendlich abgebrochen sind. Zu beachten ist jedoch auch, dass der Meeresspiegel auf Grund der Erderwärmung immer weiter steigt und dadurch auch Teile der Insel überschwemmt werden. Dieses Problem existiert nicht nur auf Wange­rooge, sondern auf der ganzen Welt. 

Doch nicht nur Wangerooges geographische Fläche verändert sich, sondern auch die Naturflächen der Insel. Durch den Tourismus auf Wangerooge werden immer mehr Naturräume, wie zum Beispiel Dünen, zerstört und bebaut. Im ganzen Dorf und auch im äußeren Bereich werden immer mehr Ferienhäuser erbaut, um mehr Unterkünfte für Urlauber bereitzustellen.

 

WAS IST EIGENTLICH EINE STURMFLUT?

Als Sturmflut bezeichnet man das Ansteigen des Wassers an der Meeresküste, verursacht durch starken Wind. Dabei überschreitet der Wasserstand den normalen Hochwasserstand. Es wird von einer Sturmflut gesprochen, wenn der Wasserstand 1,5 bis 2,5 Meter über dem normalen Hochwasserstand liegt. Eine Sturmflut wird als stark eingestuft, wenn der Wasserstand 2,5 bis 3,5 über dem Normalwert liegt. Bei einer Sturmflut wird den Wellen durch Wind eine erhebliche Kraft verliehen, die es möglich macht, ganze Städte und Dörfer zu überfluten und zu zerstören.

Durch die Lage der Insel ist sie besonders stark von Sturmfluten betroffen. Oft kam es vor, dass das Wasser bei heftigen Sturmfluten bis in das Dorf gelang und die dort stehenden Häuser beschädigt hat. Dadurch verloren viele Menschen ihr Zuhause oder mussten viel Geld investieren, um ihr Haus wiederaufzubauen oder zu reparieren. 

Außerdem zerstören die starken Wellen auch viele Teile der Naturräume Wangerooges. Steigt das Wasser so hoch, dass es weit über dem normalen Hochwasserstand liegt, so erreicht es oft Dünen oder andere Naturräume und überflutet sie. Dabei werden durch den starken Sog viele Teile mitgerissen und ins Meer gespült, dadurch verliert die Insel immer mehr an Fläche.

Es werden jedoch nicht nur Dünenbereiche weggespült, sondern auch jedes Jahr mehrere Tonnen an Sand. Dies ist besonders am Hauptstrand der Insel der Fall. Dort werden jährlich so viele Mengen an Sand mitgerissen, dass oft mehr als die Hälfte an Fläche verloren geht und mehrere Meter hohe Sandriffe entstehen. Besorgniserregend ist ebenfalls der Ostteil Wangerooges. Dort ist die Insel sehr schmal und besteht eigentlich so gut wie nur aus Sand und Dünen. Bei starken Sturmfluten brechen dort auch oft Teile ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Teil zeitnah ganz verschwindet und von den starken Wellen zerstört wird, ist sehr hoch.

 

MASSNAHMEN, UM WANGEROOGE VOR STURMFLUTEN ZU SCHÜTZEN

Um sich vor Sturmfluten zu schützen und Wangerooge möglichst so zu erhalten, wie es gerade ist, wurden viele Maßnahmen auf Wangerooge getroffen. Zunächst war da der Bau eines Deichs, der einmal um die Halbe Insel geht. Er zieht sich vom Westen über die Südseite der Insel bis in den Osten. Dieser Deich soll eine Art Schutzmauer herstellen. Sollte das Wasser höher ansteigen als gewohnt, so verhindert der Deich, dass das Wasser möglicherweise bis in das Dorf gelangen kann. Er schützt die Insel also vor Überflutungen

Teile des Deiches wurden von 2014 bis ins vergangene Jahr 2019 erneuert und verbessert. Es wurde beschlossen, dass der Deich an dieser Stelle erhöht und verstärkt werden muss. Ergänzend dazu entschied man sich dazu, parallel zum Deich einen Deichverteidigungsweg zu erbauen. Dieser dient dazu, dass die Einsatzkräfte und das nötige Material im Falle eines Notfalls schneller an, von möglicherweise bei einer Sturmflut beschädigte, Teile des Deiches zu gelangen. Um zu verhindern, dass große Mengen an Sand bei starkem Hochwasser vom Meer mitgerissen werden, erbaute man Buhnen aus Steinen oder Holzpfähle, die ins Meer führen. Diese Buhnen verhindern zum einen große Sandströme, indem die Holzpfähle oder Steine den Sand aufhalten, zum anderen schützen die Buhnen die Insel vor starken Wellen, da diese von den Pfählen und Steinmauern gebrochen werden und somit Kraft verlieren.

Eine weitere Schutzmaßnahme ist der Steindeich im Nordwesten der Insel. Da diese Stelle durch die starken Nordwestwinde besonders von Sturmfluten betroffen ist, baute man diese Stelle mit Stein. Dieser Steindeich ist stabiler als ein gewöhnlicher Deich aus Dünen und Erde. Er schützt diesen Teil der Insel davor, bei einer starken Sturmflut abzubrechen oder dass die Dünen und der Sand vom Wasser ins Meer gerissen werden. 

 

STURMFLUTEN VON 1854 BIS 1855 UND STURMTIEF SABINE

Bereits 1855 hatte Wangerooge mit Sturmfluten zu kämpfen. Die Sturmflut zerstörte den Großteil des damaligen Dorfes, von 73 Wohnhäusern wurden 21 gänzlich zerstört. Die restlichen Häuser waren stark beschädigt. Aufgrund der starken Zerstörung des Dorfes, welches sich zu dem Zeitpunkt noch im Westen befand, zogen viele Insulaner ans Festland. Nur eine geringe Anzahl von 342 Menschen blieb auf Wangerooge. Um solchen Katastrophen zu entgehen, entschieden sich die Inselbewohner, ihr Dorf vom Westen in den Inselkern zu verlagern. Dort ist das Dorf relativ weit vom Meer entfernt und besser vor Überflutungen geschützt. Noch heute liegt das Dorf an dieser Stelle. 

Jedoch entschieden sich nicht direkt alle Insulaner für diese Umsiedelung. Sie lebten noch einige Jahre im Westdorf, auch wenn sie immer wieder mit großen Überflutungen zu kämpfen hatten. Im Jahr 1863 zerstörten weitere Sturmfluten das Dorf im Westen so stark, dass die restlichen, dort lebenden Menschen einen Umzug in das neue Dorf nicht weiter umgehen konnten. Da die Dünen bei den Sturmfluten so in Mitleidenschaft gezogen wurden, stellten sie auch gar keinen Schutz vor weiteren Überflutungen dar. 

Auch heutzutage hat Wangerooge mit Sturmfluten zu kämpfen. Am 09.02.2020 zog das Sturmtief Sabine über große Teile Deutschlands. Wangerooge lag ebenfalls in der bedrohten Zone. Das Sturmtief löste eine Kette starker Sturmfluten aus, welche den Hauptstand Wangerooges nahezu gänzlich zerstörte. Wangerooge ist den großen Sandverlust zwar schon gewöhnt, jedoch gehen jedes Jahr nur etwa 50% des Strandes verloren. Dieses Mal waren es 80%. Um den Strand wiederherzurichten, mussten riesige Mengen an Sand vom Osten mit Hilfe von Kipplastern zum Hauptstrand transportiert werden. Dies ist nicht nur ein großer Aufwand, sondern auch sehr teuer. 

 

WIE HAT SICH DER TOURISMUS VERÄNDERT?

Wangerooge ist Heimat und Urlaubsziel vieler Menschen und Familien. Daher versucht der Bürgermeister Marcel Fangohr mit Unterstützung seiner Kollegen und Kolleginnen Wangerooge weiterzuentwickeln und mit der Zeit zu gehen. Zum einen werden immer mehr moderne Ferienhäuser und Ferienwohnungen auf der Insel gebaut, um immer mehr Urlauber anzulocken. Zum anderen ist das Freizeitprogramm auf der Insel groß und ansprechend. Zudem verfügt Wangerooge über 7.222 Betten für Urlauber. Davon sind 635 Betten in Hotels, 5.047 Betten in Ferienwohnungen, 206 Betten in Kurheimen und 1.334 Betten in Jugend- und Freizeitheimen. Für eine nicht allzu große Insel wie Wangerooge ist das beachtlich. 

Eine weitere Überlegung für die Zukunft Wangerooges ist es, ein Windpark vor Wangerooge zu erbauen, um von der Kernenergie auf Windenergie umzusteigen und erneuerbare Energie zu nutzen. Dieser Weg, Energie zu gewinnen, ist innovativer und umweltfreundlicher. Jedoch würde das Landschaftsbild durch die 172 Meter hohen Windenergieanlagen zerstört werden und dies könnte auch indirekte Folgen auf die touristische Entwicklung Wangerooges ­haben.

Grundsätzlich gilt Wangerooge als Urlaubsziel für Familien im Sommer. Im Winter reisen nur wenige Leute auf die Insel. Stellt man den Tourismus in Zusammenhang mit Umwelteinflüssen wie Sturmfluten, so lässt sich zunächst eine Korrelation erkennen. Zwar reisen im Sommer viele Familien mit ihren Kindern auf die Insel, was darauf schließen lässt, dass sie Wangerooge als einen sicheren Ort für ihren Urlaub ansehen, jedoch merkt man auch, dass zu den Zeiten, in denen Sturmfluten sehr wahrscheinlich sind, kaum Urlauber auf die Insel reisen.

Dies lässt sich darauf zurückführen, dass Sturmfluten nicht nur eine Gefahr für die Insel an sich darstellen, sondern auch für die Menschen, die vor Ort sind. Aber nicht nur Sturmfluten beeinflussen die Urlauber, sondern auch andere Umwelteinflüsse. Zur Sommerzeit reisen viele Leute auf die Insel, da das Wetter gut ist und sie diese Zeit am Meer verbringen können. Zudem ist Wangerooge für viele gut von ihrem Wohnort aus zu erreichen.

 

WELCHEN EINFLUSS HABEN STURMFLUTEN?

Sturmfluten sind und bleiben ein Risikofaktor. Zwar wurden die Schutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren erheblich verbessert und erneuert, jedoch ist das Risiko gegeben, dass Wangerooge bei der nächsten Sturmflut großen Schaden nehmen könnte. Auch das jährlich wiederholende Aufschütten des Sandes am Hauptstrand ist ein negativer Faktor, da jedes Jahr hohe Kosten aufgebracht werden müssen, um den Strand wieder herzurichten. 

Außerdem ist zu beachten, dass Wangerooge stets abhängig vom Festland ist. Egal ob Nahrung, medizinische Versorgung oder weiteres. Bei Sturm, Sturmfluten, sehr starker Kälte oder extremen Nebel ist Wangerooge vom Festland abgegrenzt und kann nicht weiter versorgt werden, da weder der Luftverkehr noch der Schiffsverkehr in der Lage ist, bei zu schlechten Wetterbedingungen zwischen Insel und Festland hin und her zu fahren.

Dies kann dazu führen, dass die Menschen auf der Insel manchmal tagelang wenig Nahrung zur Verfügung haben (wie bspw. beim letzten Wintereinbruch). Ebenso wichtig ist, dass Wangerooge kein Krankenhaus hat, sondern lediglich einen Allgemeinmediziner, der in einem extremen Notfall nicht über die nötigen medizinischen Hilfsmittel verfügt. Das heißt, dass Notfälle immer mit einem Hubschrauber zum Festland geflogen werden müssen. Sollte dies wetterbedingt jedoch gerade nicht möglich sein, kann ein Notfallpatient vielleicht nicht schnell genug versorgt werden.

Nicht zuletzt sorgen Sturmfluten dafür, dass Wangerooge Jahr für Jahr Zeit- und Kostenaufwand betreiben muss, um den Strand für die Touristen herzurichten. Auch wenn dieses Vorhaben in den letzten Jahren gelang, so müssen die Verantwortlichen weiter an nachhaltigen Lösungen arbeiten.

Text: JULE STEEGER AUS DORTMUND

FotoS: EVELYN GENUIT + PRIVAT