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REPORTAGE

WAS MACHT EIN LEUCHTTURMWÄRTER OHNE SEINEN GELIEBTEN LEUCHTTURM?

Jan Gerdes hat schon viel erlebt auf seiner geliebten Insel. Hier wurde er geboren. Hier lebt er mit ­seiner Familie. Hier besitzt er Ferienwohnungen. Und hier wurde er als Leuchtturmwärter weltbekannt. Auf Wangerooge erlebte Gerdes so manche lustige Anekdote. Doch bald ist Schluss mit lustig. Nächstes Jahr im Herbst 2022 wird der 64 Jahre alte Mann den Alten Leuchtturm verlassen. Als Rentner.

MOIN NR. 4 · 2021​

Doch eigentlich darf Jan Gerdes schon gefühlte zwei Jahre nicht mehr den bekannten Turm für die Gäste öffnen. Nicht nur wegen Corona. Nein, weil ein Schlauch fehlt, bleibt der Leuchtturm geschlossen. Keine Besucher. Keine Hochzeiten. Keine interessierten Museumsgäste. Der notwendige Rettungsschlauch ist seit langer Zeit defekt. Deshalb steht das Leben im und rund um den beliebten Turm still.

Unglaublich, aber wahr. Statt die vielen Tausend Besucher durch »seinen« Leuchtturm zu führen, führt Jan Gerdes den Pinsel, streicht die Bojen am Strand an oder renoviert alte Wohnungen, die seit Monaten leerstehen und dringend für ältere Insulaner benötigt werden.

Der »Mann für alle Fälle« hat noch andere Funktionen auf der Insel und trägt den (allerdings inoffiziellen) Titel »Strandpräsident«. »Das kommt daher, weil ich beim Yachtclub auf Wangerooge der Obmann für den Strand bin«, erklärte er der MOIN beim ersten Besuch vor zehn Jahren. Außerdem ist Jan Gerdes auch Mitglied im Golfclub und war verantwortlich für die Website von »Wir Wangerooger«, einer Vereinigung der hiesigen Vermieter, denn Frau Gisela kümmert sich um die 12 Ferienwohnungen im »Haus Nordsee«, während der Leuchtturmwärter den zahlreichen Besuchern lebendiges Wissen vermittelt.

Keine Frage: Ein Besuch im Museum bildet, der Anstieg in Spitze des Leuchtturms mit dem herrlichen Blick über die Insel bis nach Helgoland ist unvergesslich, und dank der Idee von Jan Gerdes kann man im Trauzimmer sogar den Bund fürs Leben schließen. Aber nur wenn der Leuchtturm geöffnet ist.

MUSEUMSFRAGE OFFEN

Zugegeben, die Räumlichkeiten für das sehenswerte Museum sind begrenzt. Viele Besucher stellen sich die Frage, ob das mit viel Liebe zum Detail zusammengestellte Museum bleiben wird. Denn der Bürgerverein hat mit der Gemeinde ein neues Museum ins Spiel gebracht, Zusammen mit der Sammlung des 90 Jahre alten Inselchronisten Hans-Jürgen Jürgens könnte ein Museum entstehen, in dem die Geschichte Wangerooges anhand von Exponaten oder digital sowie über Themenausstellungen vorgestellt wird. Ein Knackpunkt ist natürlich die Finanzierung – weder Bürgerverein noch Inselgemeinde könnten allein ein zeitgemäßes Museum einrichten. Deshalb bedarf es der Förderung – und dabei hilft der Museums-Zweckverband. Ein Rohkonzept für Förderanträge hat der Bürgerverein bereits erstellt, als nächstes wird eine Arbeitsgruppe gebildet, die alle weiteren Schritte planen soll. Damit die Sammlung Jürgens auch nach einer etwaigen Auflösung des Bürgervereins in musealen Händen bleibt, wurde die Satzung geändert: das Bürgervereins-Vermögen soll nun- soweit es die Sammlung Jürgens betrifft- nicht an die Gemeinde Wangerooge, sondern ans Schlossmuseum Jever fallen und somit auf Wangerooge bleiben.

Hans-Jürgen Jürgens’ Sammlung umfasst unzählige einzigartige Postkarten und Fotos, Fundstücke und Dokumente, ihr Wert wird auf rund 60.000 Euro geschätzt.

JAN GERDES EIN MÖRDER?

Der Tatort Ende Januar 2021 spielte auf Norderney und brach alle Fernsehrekorde. Zehn Millionen Zuschauer an den Bildschirmen wurden im spannenden Film darüber aufgeklärt, ob ein Mann mit dem Namen Jan Gerdes als Mörder infrage kam.

Der Jan Gerdes von Wangerooge kann keiner Fliege was zuleide tun. Er schaut bei seiner Interimstätigkeit in den Dünen den Möwen zu und den Menschen am Strand. Manche kennt er von ihren Besuchen im Alten Leuchtturm. Und er freut sich darauf, endlich wieder seiner eigentlichen Arbeit nachgehen zu dürfen. Er nimmt morgens sein Rad und fährt den kurzen Weg von der Wohnung zum Turm, nimmt die schwarze Kaffeekanne aus dem Korb und steigt die ersten zwölf Stufen des Alten Leuchtturms hoch. Acht Uhr. Arbeitsbeginn für den Hausmeister des Inselmuseums.

Arbeit? Besser: Leidenschaft. Jan Gerdes hält alles in Schuss, mäht den Rasen, regelt die Post, beantwortet die Mails, putzt, kassiert und kümmert sich um den täglichen Betrieb des Museums mit seinen fast Tausend Exponaten. Auch wenn er sich selbst als Hausmeister bezeichnet, war die Stelle damals noch als Leuchtturmwärter ausgeschrieben. »Nee, ich bin aber keiner«, sagt er kurz und knapp in friesischer Manier und macht dazu eine wegwerfende Handbewegung. »Die Leitfeuer sind ja schon Ende der 1960er ausgeschaltet worden.«

WENN JAN AUFTAUT

Friesisch herb, so, wie das bekannte Lieblingsbier der Insulaner, gibt sich auch Jan Gerdes. Wenn er erzählt, fängt er seiner friesischen Natur entsprechend wortkarg an. Merkt er dann, dass sich jemand wirklich dafür interessiert, taut er auf, holt weiter aus, entspannt sich sichtlich und erfreut sich ehrlich an dem Interesse. »Früher hat das aber mehr Spaß gemacht«, schildert er trocken. »Heutzutage gehen die meisten nur noch kurz durch, gehen dann den Turm rauf, um die Aussicht zu genießen. Die Leute fragen nicht mehr so viel nach.« Die Gesellschaft habe sich verändert, so erklärt er sich das immer mehr schwindende Interesse der Menschen. Richtig Zeit würde sich heute auch keiner mehr nehmen. Es klingt, als habe er resigniert und akzeptiert, dass sich dieser Umstand nicht mehr ändern wird. 

Keine Frage: Gerdes kommt seit einigen Jahren immer seltener ins Gespräch mit Touristen und verbringt viel Zeit sitzend hinter den Scheiben des Kassenhäuschens, das sich hinter dem Eingang gleich links befindet. Hervor kommt er nur, wenn Hausmeisterarbeiten erledigt werden müssen, falls es doch mal vorkommt, dass jemand Fragen hat oder wenn es morgens und abends Zeit ist, den Aussichtsturm auf- und abzuschließen. Dies macht er mindestens zweimal am Tag, erklimmt die insgesamt 161 Stufen, um gleich danach wieder den Rückweg anzutreten. Zum Abend hin macht Gerdes noch einen Kontrollgang. Die alten Postkarten, die Landkarten aus den vorherigen Jahrhunderten, alles an seinem Platz – auch die zehn Schwarz-Weiß-Fotos der einstigen Leuchtturmwärter. Genauso wie alles andere sind auch sie Teil der Geschichte – und zwar ein wichtiger. Ihnen fiel die Aufgabe zu, alles zu überwachen. »Per Definition unterscheidet sich Jan Gerdes’ Beruf also doch nicht allzu sehr von dem der alten Herren auf den alten Bildern«, schrieb Upia Miranda im Jeverschen Tageblatt.

Nun gut, ein bisschen schmal ist das Treppenhaus des alten Gemäuers schon, und Jan Gerdes erinnert sich an einen Besucher der auf halbem Weg umkehren musste. »Der war einfach zu dick und kam an einer engen Stelle nicht mehr durch.« Auch der im vergangenen Sommer mit 80 Jahren verstorbene Starfotograf Kurt Keil, der viele, wunderschöne Fotos auf Wangerooge für die MOIN geschossen hat, schaffte es beim ersten Turmgang nicht bis ganz oben. 

Aber eines steht fest: Die Kletterei lohnt sich. Besonders dann, wenn Gerdes Zeit für die Besucher hat und durch »sein« Museum führt. Denn hier verfügt er als »alter« Wangerooger natürlich über Wissen, das er sich als Zeitzeuge erworben hat und über einen ganzen Fundus von Anekdoten und Geschichten über die Insel und den Turm, dessen Eingang ein Wappen aus Sandstein ziert. Das ist allerdings nur eine Nachbildung des verwitterten Steins, der im Museumsraum steht und von der Hochzeit von Carl Wilhelm, Fürst zu Anhalt, Graf zu Ascanien, Herr zu Zerbst, Jever und Kniphausen mit Sophie, Fürstin zu Anhalt, geborene Herzogin zu Sachsen, Jülich, Cleve, Berg im Jahr 1687 kündet. »Der Originalstein wurde 1850 am Strand gefunden«, weiß Jan Gerdes.

Noch ein »wenig« älter ist der Bernstein, der vor etwa 600.000 Jahren in der Jung-Steinzeit entstanden sein muss. Auch ein Bohrkopf aus der Zeit, als auf Wangerooge (»Vergeblich, zum Glück«) nach Erdöl gebohrt wurde, gehört zu den vielen Kuriositäten, und mit Staunen registriert der Besucher, dass auf Wangerooge das erste Radargerät der Welt in Betrieb genommen wurde. Ein Vorgänger des legendären Wernherr von Braun, Reinhold Tiling, startete 1930 hier die ersten Raketenversuche und, und, und … 

Der Alte Leuchtturm von Wangerooge hat viel erlebt. Die Leitfeuer sind schon Ende der 1960er ausgeschaltet worden.

In diesem Jahr, im November, hat Jan Gerdes das Rentenalter von 65 Jahren erreicht. Und im nächsten Jahr, im Oktober, wird er seinen geliebten Leuchtturm wirklich verlassen. Für immer …

Text: MANFRED OSENBERG

FotoS: MANFRED OSENBERG