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SPAZIERGÄNGE

BEI NACHT UND NEBEL

Am Abend wird es wieder nebelig. Der Hund muss raus und wir laufen aus dem Dorf Richtung Westen.

MOIN NR. 2 · 2021​

Im kleinen Wäldchen ist es sehr dunkel, total still, der Weg vor uns kaum zu erkennen. Aber das blau leuchtende Hundehalsband begleitet mich und es strahlt mal vor, mal neben, mal hinter mir. Die Flexileine ist 15 Meter lang, doch mein Hund und ich sind ein eingespieltes Team und es gibt selten Zug auf der Leine.

Je länger ich laufe, umso beschwingter werden meine Schritte. Meine Schuhe sind leicht und bequem, das Laufen wird fast zum Schweben. Meine Gedanken wandern mit und eine tiefe Gelassenheit macht sich in meinem Kopf breit.

Auf der Straße zum Westen verschwindet der Weg in einiger Entfernung im Nebel. Die vertrauten Büsche und Bäume werden zu dunklen Silhouetten und das Licht vom Neuen Leuchtturm dringt nicht durch. In der Ferne jammert ein Nebelhorn. Der dichter werdende Nebel verbreitet ein diffuses Licht, irgendwo am Himmel begleitet uns der Vollmond. Ich kann ihn nur erahnen, denn er ist kaum zu sehen.

Wir bleiben stehen und als das Tappsen der Hundepfoten auf dem Pflaster verstummt, es ist vollkommen still. Ich frage mich, wie es nur so absolut still sein kann, wenn wir doch mit 30 Kilometern in der Sekunde um die Sonne rasen und dann noch gemeinsam mit ihr durch die Milchstraße …

Lockdown oder nicht: Wir sind ständig auf Reisen. Und ich stehe hier, höre nichts, fühle nichts, weiß es nur.

Diese berauschende Stille, das mystische Licht, die schemenhaften Konturen üben einen eigenartigen Zauber auf mich aus und die Erde wird für einen Augenblick zu einem friedlichen, freundlichen, beschützenden Ort. Mein Hund scheint diesen magischen Moment mit mir zu spüren. Er ist ganz ruhig und rührt sich nicht. Da, ein dumpfer Laut dringt durch den milchigen Dunst. Das Nebelhorn meldet sich wieder.

Soll ich weiter bis zum Neuen Leuchtturm laufen und schauen, ob er überhaupt leuchtet? Ich schaue meinen alten Hund an und erkenne, dass er nicht mehr kann und es Zeit wird, um zu drehen.

Kurz vor dem kleinen Wäldchen steht ganz plötzlich ein wuscheliger, großer Hund mit einem grünen Leuchthalsband regungslos und mutterseelenallein vor uns. Wo kommt er her? Wem gehört er? Er will nicht mit uns reden und trottet Richtung Westen davon.

Als mein Hund und ich wieder im Dorf ankommen, heult das Nebelhorn so laut, als würde ein riesengroßes Schiff direkt auf Café Pudding zu fahren.

Wieder zu Hause holt mich der Alltag ein: die Waschmaschine piepst, das schmutzige Kaffeegeschirr will gespült werden.

Während ich die Wäsche aufhänge, bin ich mit meinen Gedanken wieder bei unserem Nachtspaziergang. Es ist schon eigenartig, dass mein Hund und ich unterwegs keinem Menschen begegnet sind.

Ich kann euch nur sagen: Wer niemals nachts bei Nebel über die Insel gelaufen ist, hat viel verpasst.

Text: ANNEMARIE TALKE HEINKEN

FotoS: EVELYN GENUIT